Kay Bernstein - Einfach machen!

Es ist ein ganz normales Meeting in einer ganz normalen Werbe- und Eventagentur in diesen völlig unnormalen Zeiten. Gerade ist wieder mal etwas Unerwartetes passiert. Ein größerer Kunde will den Vertrag neu verhandeln. Corona. Lieferketten. Undsoweiter.

Die Nachricht hängt über dem Treffen, in dem die Wochen-Aufgaben definiert und die nächsten drei Monate betrachtet werden. Irgendwie kommt kein richtiger Funke in die Diskussionen.

Kay Bernstein, Eigentümer von „Team Bernstein“, sitzt am Fensterende des Tisches, Flip-Chart weniger als eine Armlänge entfernt, direkter Blick auf den Smart-TV mit der Projektplanung. Aus einem Edding in seiner rechten Hand sind drei geworden – und die lässt er jetzt auf den Konferenztisch fallen. Klack. Klack. Klack.

„Hey, hört auf zu grübeln“, spricht er sein Team an. „Das ist meine Aufgabe. Der Termin mit dem Kunden ist morgen 8:30 Uhr – und ganz egal, was passiert – wir haben mehr als genug Aufträge. Wir müssen nur mal wieder ein bisschen aus der Komfortzone raus – und dann sind wir sowieso immer am besten.“

Der Rest des Meetings ist dann ein Heimspiel. Alles klickt, weil der Chef den Druck auf sich zieht. Die Luft ist bereinigt. Vor allem, weil jeder im Team weiß, dass hier niemals Zögern das Thema ist, sondern Vollgas. Minuten später ist alles geklärt. Jeder weiß, weiß zu tun ist und alle machen mit.

Lösungen zu finden, kreative Power zu leben und vorzuleben, Menschen zusammenzubringen, zu motivieren und daraus ein erfolgreiches Business zu formen – Typen, die das können, gibt es alleine in Berlin Tausend Mal. Und dennoch ist diese Geschichte eine außergewöhnliche.


Kay Bernstein


Mensch, Sohn, Bolzplatz-Kind, Fan, Kutte, Ultra, Vorsänger, Beinahe-Schulabbrecher, Industriemechaniker, Stadionverbotler, Träumer, Familienvater, Helfer, Organisator, empathischer Netzwerker, Bruder, Projektmanager, Hausmeister, Kindergärtner, Hobbykicker, Dauercamper, Karamelino-Genießer, Geschäftsführer, Gründer, Freund, Jungfrau, Antreiber, Haupttribünen-Fanatic.

HERTHANER


Abstiegssaison 2009/10. Nach der Niederlage gegen Nürnberg rannten Hertha-Fans unerlaubter Weise in den Innenraum. Als Gegenpol zur Ostkurven-Sperre beim folgenden Heimspiel organisierte Kay Bernstein ein Public Viewing in der Waldbühne.

Kay Bernstein, geboren 1980 in Marienberg im Erzgebirge. Wurzeln der Familie in Dresden, 1983 bis 88 dort gewohnt und dann ein Jahr vorm Mauerfall nach Marzahn gezogen. „Dort gab es Plattenbau mit Müllschluckern und Fernwärme – der letzte, neue, heiße Scheiß der DDR!“

Vater Diplom-Ingenieur und Dozent für Informatik. Mutter Zahnarzthelferin. Ältere Schwester Krankenschwester in leitender Stellung. Jüngere Schwester Chemie-Laborantin. Abitur, Studium, berufliche Aufgabe – der Bernstein-Weg.

Aber nicht für den Bengel aus Marzahn. „Ich habe nie etwas anderes als Fußball und Freunde im Kopf gehabt. Und niemand hat mir etwas anderes vermitteln können.“

Kay erzählt von 28 Bolzplätzen in Marzahn, über die er mit seinen Kumpels nach der Schule tingelte – oder auch währenddessen. Er erinnerte sich, wie ihm – dem klassischen Wendekind – 1988 der Pionierausweis und das Pionierhalstuch abgenommen wurde. „Ich hatte was ausgefressen, musste beim Fahnenappell vorne am Pranger stehen und wurde als unwürdig erklärt, Pionier zu sein. Dann machte es ‚Puff‘ und die Pioniere mit ihrer ganzen Ideologie und dem dazugehörigen System waren weg. Einfach weg und erledigt.“

Die Lehrer, so spürte er, versuchten, weiter wie in der gerade versunkenen DDR zu leben. Seine Familie wiederum probierte, die neue Zeit sinnvoll zu leben. Und er fiel durch alle Raster. Einziger Bezugspunkt: das Kicken!

„Ich habe mit dem Fußball auf dem Kopfkissen geschlafen, das alte Klischee – bei mir war es so. In der Schule habe ich mich durchgemogelt – bis es in der achten Klasse nicht mehr ging.“

Inzwischen war er Hertha-Fan. Lebte die Bolzplatz-Idylle zusätzlich in den blau-weißen Farben aus. Wieder mit vollen, absoluten, verrückten 100 Prozent.

„Auswärtsfahrten alle zwei Wochen. Mit dem Wochenend-Ticket für 15 Mark – ab fünf Personen – durch ganz Deutschland. Finanziert über Blut- und Blutplasmaspenden. Das war meine Welt. Das war unsere Welt. Mit dem Freitagabend-Zug nach Brandenburg, dann drei, vier Stunden warten auf die Morgenverbindung ins Ruhrgebiet oder nach Bayern oder Wo-auch-immer. Spät am Sonntag zurück.“

Heimspiele waren auch irgendwie was Besonderes. „Aus Marzahn in den Farben Blau und Weiß ins Olympiastadion aufzubrechen – das hatte schon was. Praktisch alle anderen gingen zum BFC oder Union. Nichts für mich. Hertha – ohne dass es ein besonderes Spiel als Initialzündung gegeben hätte.“ Hertha BSC seit fast 30 Jahren – bedingungslos.

Es hätte zig Möglichkeiten gegeben, in Berlin-Marzahn auf die schiefe Bahn zu geraten. Bei Kay Bernstein kam es zwar zu einem Beinahe-Crash in der Schule und bei der Berufswahl – bis sich das normale Leben und die für ihn immer krasser werdende Bedeutung der Fanszene an einer Kreuzung trafen.

Im Stenogrammstil: Durchgefallen in der 8. Klasse. Noch einmal durchgefallen nach einem unlösbaren Konflikt mit dem Chemielehrer – Note 6, Rest hätte gereicht. Hauptschule. Und dort endlich ein Pädagoge, der sich um diesen speziellen Fall kümmerte.

„Ein Hauptschullehrer war die erste so genannte Autorität, die mich mal gefragt hat, warum ich so anders unterwegs bin. Was mich denn motivieren würde und könnte. Wie Hilfe aussehen müsste. Für mich ist dieser Lehrer bis heute ein Held.“

Nein, noch sind wir nicht bei der glorreichen Auferstehung aus dem eigenen Schlamassel. Erst platzt nach dem doch noch geschafften Realschul-Abschluss noch die erste Lehre (zum Hertha-Auswärtsspiel den Ladenschlüssel mitgenommen). Doch die nächste Chance wurde verwandelt. Industriemechaniker mit 19 – „drei Jahre älter als die anderen, ein großer Vorteil, weil ich ja endlich wusste, warum ich das tue.“

Und Hertha. Hertha. Hertha. Hertha.

„Fan, Kutte, dann Ultra. Im O-Block stehen und das ganze Olympiastadion für 90 Minuten anheizen. Die ersten Amateur-Choreographien mit Doppelhaltern. Dann immer größer, immer bunter und auch heißer. Am Alex die „Supertifo“ gekauft, um Choreos aus Italien zu sehen, als Inspiration zu nehmen. Um beim nächsten Heimspiel wieder alles raushauen.“

Auch intern – denn die Platzhirsche in der Hertha-Fanszene wollten ihre Position natürlich nicht aufgeben. „Die älteren Hertha-Fans kamen längst nicht mehr bei jedem Spiel, wollten dann aber alles bestimmen. Es gab Achtungsschellen für uns, aber das hat uns nur noch mehr angespornt. Wir haben das durchgezogen.“

Heute ist ein Hertha-Heimspiel ohne die Power der organisierten Fanszene im Herzen der Ostkurve kaum mehr vorstellbar – die Corona-Zeiten haben uns das Gespenstische des Fußballs ohne derartigen Support vor Augen geführt. Aber die Etablierung dieses Kraftzentrums brauchte einige Jahre rund um die Jahrtausendwende.

Kay immer vorneweg, immer dabei, Gründungsmitglied der Harlekins ’98, zeitweise auch Vorsänger im O-Block und später in der Ostkurve. Ultra im klassischen Sinn des „Alles! Alles! Alles für Hertha BSC.“ Und doch noch mehr.

Einer, der damals dabei war, zieht den Blickwinkel größer auf: „Für Kay war immer das Wichtigste, zuallererst Herthaner zu sein und das große Ganze des Vereins in den Mittelpunkt zu stellen. Auch über den Tellerrand der Ultraszene hinaus. Er hat immer versucht, Lager-übergreifend Kontakte herzustellen, andere Perspektiven zu berücksichtigen. Er kann zuhören und zusammenführen – konnte das damals schon.”

Wichtige Aktionen der Ultras geschahen also in Absprache mit dem Verein, was in der Ultraszene ganz normal ist. Vieles folgte aber auch der eigenen Überzeugung.

„Und manchmal gibt es eben auch besondere Umstände.“

Wieder Stenogrammstil: Drei Stadionverbote, zwei davon aufgehoben als nach ewiger Zeit endlich die Beweise gesichtet wurden. Er war auch mal zwei Jahre raus aus dem Oly. „Es ging um eine Plakataktion am Marathontor als Reaktion auf eine Cottbuser Pappe. Die Fanbetreuung wusste Bescheid – aber die Polizei fand es wohl klasse, mich als längst so definierten Rädelsführer mal außerhalb der Ostkurve abzugreifen. Ich wurde nach allen Regeln der Kunst zusammengelegt, inklusive Nasenbeinbruch, und das Stadionverbot kam obendrauf.“ In den fast zwei Jahren bis zur Klärung ruhte sogar seine Hertha-Mitgliedschaft. „Hertha hat durchaus für mich gekämpft, aber die Hände der Fanbetreuung waren auch gebunden. Eine scheiß Zeit.“

Als Hertha-Fan Benny Bienert an Leukämie erkrankte, organisierte die blau-weiße Fanszene um Kay Bernstein eine Typisierungs- und Spendenaktion. Hier sehen wir Arne Friedrich bei einer Scheckübergabe.

Einer, der in diesen Jahren immer dabei war, der vor Lebensfreude sprühte, war Benny Bienert. Bis 2004 akute Leukämie bei ihm diagnostiziert wurde. Für seine Freunde bei den Harlekins ein unfassbarer Schock. Und genauso der „Call to action“, der Ansporn, den Kampf gegen das Schicksal aufzunehmen.

Angeführt von Kay organsierte zuerst das Umfeld von Hertha BSC, dann blitzschnell aber auch andere Fanszenen – egal ob Freund oder Rivale – riesige Typisierungs-Aktionen. In fast allen deutschen Stadien riefen Fanszenen mit „Helft Benny“-Bannern zur Suche nach dem genetischen Zwilling auf, dessen Knochenmark die Heilung bringen sollte.

Die Aktion ließ den deutschen Fußball auf kaum jemals vorher gespürte Art zusammenrücken. Fans, Spiele, Chefetagen – der gemeinsame Zweck beflügelte monatelang.

Der genetische Zwilling mit der Wahrscheinlichkeit eins zu eine Million wurde auch gefunden – aber Benny Bienert starb im Mai 2005 während der Behandlung an einer vom Körper nicht mehr bekämpfbaren Infektion.

Für Kay bleibt der Tod des engen Freundes „der schlimmste und dunkelste Moment in meinem ganzen Leben“. Und dennoch brannte mitten in dieser Dunkelheit ein kleines Licht.

„Es gab keine Sekunde eine Alternative: Es musste weitergehen. Wir alle zusammen hatten fast das Unmögliche geschafft. ‚Remember Benny‘ war das Mindeste, was darauf folgen konnte.“

Also gingen die Typisierungsaktionen weiter. Bis heute trifft sich – Coronazeiten natürlich ausgenommen – die organisierte Fanszene jährlich zum „Remember Benny“-Cup.

Kay: „Es gibt keinen einzigen Tag, an dem ich nicht an die neun Monate des gemeinsamen Kampfes, an den unerträgliche Verlust und dann an die Lehren aus allem denke.“

Benny Bienert unvergessen!

Das Leben muss weitergehen. Der dümmste und gleichzeitig wahrste Satz in solchen Momenten.

Als Eventmanager bei Radio NRJ waren es dann Festivals wie “Energy in the Park” am Wannsee, die Kay Bernstein betreute und zum Erfolgsmodell machte.

Für Kay, immer noch blutjunge 24, war der Tod des Freundes auf nachhaltige Weise ein Wendepunkt. Zwar schloss er die zweite Lehre ab, doch die Fortführung der Typisierungs-Aktionen war so zeitintensiv, dass er den angebotenen Fabrik-Arbeitsplatz ausschlug. Andererseits hatten sein Organisation- und Motivationstalent für Aufmerksamkeit gesorgt. Ein Praktikum bei Radio NRJ führte zum Volontariat (Ausbildung Nummer 3) und dann zur Anstellung als NRJ-Eventmanager.

„Es ist schon so, dass ich heute – im Rückblick – mich selbst viel besser verstehe und die Mechanismen erkenne, die für mich als Mensch offenbar greifen. Ob du eine Fanclub-Auswärtsfahrt organisierst oder eine Ultra-Gruppe steuerst und entwickeln oder optimieren willst – das ist dieselbe Struktur, die mich dann als Eventmanager und heute als Unternehmer erfolgreich macht. Was ist unser Ziel, was müssen wir dafür machen, wie legen wir los, was müssen wir noch prüfen, wie können wir uns aufteilen, wer macht was bis wann, wer macht nichts und braucht deshalb eine Einzelansprache.“

Er sitzt gerade im Workshop-Gebäude seiner Agentur „Team Bernstein“ direkt am Fußballplatz (logisch!), der zum Eventgelände gehört und bleibt noch ein wenig in der Vergangenheit.

„Früher haben wir das per Festnetz organsiert und auf Vertrauen Treffpunkte vereinbart. Heute haben wir Social Media und Planungs-Tools und 24/7-Erreichbarkeit. Aber die Basis hat sich kein bisschen verändern: Vertrauen geben, um Vertrauen einfordern zu können. Menschen an ihrer optimalen Position zum Einsatz bringen. Ziele definieren und Visionen entwickeln. Vor allem aber: Einfach machen.“

Das ist seine Passion. Planen! Menschen zusammenbringen! Begeistern! Einfach machen!

Ob für seinen „Team Bernstein“-Kundenstamm, bei Fan-Kongressen  oder mal bei einer spontanen Hilfsaktion für einen Freund https://karamelino.com/pages/geschichte

Sein Leben aber ist und bleibt neben der eigenen Familie mit Partnerin und Tochter der Berliner Sport-Club von 1892. Der Fanszene bleibt er als Helfer engverbunden. Bei „1892 wärmt“ und „1892 hilft“ stand er ohne Umschweife als Unterstützer bereit. Ehrensache!

Als Helfer für die Projekte der Hertha-Fanszene steht “Team Bernstein” jederzeit zur Verfügung. Die viel beachtete, unermüdliche Obdachlosen-Hilfstour durchs nächtliche Berlin von “1892 hilft” ist ein Beispiel dafür.

Seit über einem Jahrzehnt verfolgt er die Heimspiele von der Haupttribüne aus – immer mit „dem Blick auf das ganze Stadion, weil ich Hertha natürlich inzwischen vielfältiger erlebe als früher.“

Das Auseinanderdriften von Fan-Szene und Vereinsführung ist ihm ein Dorn im Auge. Wie viele andere Herthaner sieht er die zunehmende Entfremdung im Zuge der diversen Krisen, des Außenauftritts und Umgangs der Vereinsführung mit der Basis. Immer immun gegen jede Kritik, als gäbe es Kompetenz nur und ausschließlich in den Chefetagen-Büros der Hanns-Braun-Straße.

Beweis durch Draufgucken: Diese Annahme ist als katastrophal falsch zu bezeichnen!

Die spürbare Irrelevanz der blau-weißen Farben beschäftigt ihn sehr. „Dieser Verein, der vielen Menschen alles bedeutet, schlittert irgendwie belanglos durch die Jahre. Ohne klares Konzept, ohne klare Botschaft – wie viele andere Herthaner befürchte ich eine zunehmende Bedeutungslosigkeit.“

Na, klar: Dieses Gefühl kommt bei vielen Profiklubs hoch, weil Scheichs, Oligarchen oder Dosenabfüller die Werte und die Kultur des Fußballs nur als Renditeobjekt sehen und über alles hinwegtrampeln, was den echten Fußball ausmacht. „Eine klinisch gereinigte Fußball-Szene mit Support durch herangezüchtete Fan-Schauspieler – das ist meine Horrorvision. Dagegen müssen wir kämpfen“, sagt der 41-Jährige mit Verve.

Sein Gegenrezept: „Es steckt so viel Kraft in der Fanszene – und damit meine ich alle Blöcke, Jahrgänge und Lebensentwürfe. Wir sind so viel mehr als nur der jeweilige Profikader. Wir sind Hertha BSC – ein großer Verein mit großartigen Menschen! Das muss der Kern allen blau-weißen Tuns sein!“

Also ist er zum zweiten Mal in seinem Hertha-Leben an einem ultra-wichtigen Punkt angekommen.

Kay Bernstein ist bereit, für Hertha BSC Verantwortung zu übernehmen. Seine Arbeitskraft, seinen Enthusiasmus, seine Talente und seine Kompetenzen für die blau-weißen Farben einzubringen – in ein Projekt, das er selbst in den vergangenen Jahren immer wieder geträumt und in den vergangenen Monaten initiiert hat. Mit dem Input von zig Menschen, die seine Hertha-Liebe teilen.

WirHerthaner heißt das Projekt.

Kay Bernstein heißt der Kopf des Projektes.

Hertha BSC aus der Krise helfen, komplett neu zu denken und in eine selbstbestimmte, selbstbewusste, erfolgreiche Zukunft zu führen.

Einfach machen!